Das Wichtigste in Kürze
- 8,5 Millionen Beschäftigte in Deutschland sind 55 oder älter. Rund ein Viertel aller Beschäftigten verlässt den Arbeitsmarkt in den nächsten 10 bis 15 Jahren altersbedingt.
- Der Verlust ist nicht nur zahlenmäßig, sondern qualitativ. 4,6 Millionen der Ausscheidenden arbeiten auf Fachkraftniveau, 3,6 Millionen in Engpassberufen.
- Mentoring ist die beste bekannte Methode — und wird gerade unbezahlbar. Eine Stelle zu besetzen dauerte 2010 noch 70 Tage, 2023 schon 95. Wer anlernen soll, steht selbst unter Druck.
- Übersetzte Arbeitsanweisungen lösen das Sprachproblem nicht. Über 27 Prozent der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund; reine Textübersetzung gilt in der Forschung als nur begrenzt wirksam.
- Erfahrungswissen lässt sich zeigen, auch wenn es sich nicht formulieren lässt. Genau hier setzen Aufnahme statt Anleitung und KI-gestützte Erfassung an.
Es gibt in jedem Werk diesen einen Menschen. Die Einrichterin, die hört, wann das Werkzeug nachgezogen werden muss. Den Instandhalter, der weiß, dass diese Anlage im Winter anders anläuft. Sie haben nie eine Schulung dazu bekommen, und sie haben es nie aufgeschrieben. Sie wissen es einfach.
Und irgendwann haben sie ihre letzte Schicht.
Was dann passiert, beschreiben Menschen, die in sicherheitskritischen Berufen arbeiten, oft am präzisesten. In der Flugsicherung etwa, wo Standardverfahren und Erfahrung besonders sichtbar auseinandertreten.
„Vieles lässt sich trainieren. Aber bestimmte Situationen wie ein Gewitter lernt man erst mit der Zeit — durch Erfahrung und durch den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, die sie schon erlebt haben."
Damaris SchröderFluglotsin und Ausbilderin bei der DFS Deutsche FlugsicherungQuelle: Deutsche Bank, „Was die Wirtschaft von der Flugsicherung lernen kann", September 2026Es gehen nicht Stellen, es geht Erfahrung
Die Zahlen dahinter sind seit Juli 2026 genauer bekannt. Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung am Institut der deutschen Wirtschaft hat nachgezählt: 8,5 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Deutschland sind 55 Jahre oder älter. Das sind 25,4 Prozent — gut ein Viertel aller Beschäftigten, die in den kommenden 10 bis 15 Jahren altersbedingt ausscheiden.
Entscheidend ist aber nicht die Gesamtzahl, sondern ihre Zusammensetzung. 4,6 Millionen dieser Beschäftigten arbeiten auf Fachkraftniveau. 3,6 Millionen arbeiten in Engpassberufen — also dort, wo schon heute niemand nachrückt.
Eine frühere KOFA-Auswertung hat die Lücke beziffert: Rund 4,5 Millionen Fachkräfte gehen, ihnen stehen etwa 3,2 Millionen Fachkräfte unter 30 gegenüber. Die Differenz ist keine Personalplanung mehr, sondern ein struktureller Bruch.
Der Verlust ist damit nicht nur nomineller, sondern qualitativer Natur. Wer nach Jahrzehnten geht, nimmt nicht nur eine Stelle mit, sondern die Fähigkeit, schwierige Situationen schnell zu lösen, für die Unerfahrene deutlich länger brauchen.
Implizites Erfahrungswissen: warum es sich dem Aufschreiben entzieht
Die Arbeitswissenschaft definiert es knapp als Wissen, „das den Beschäftigten nicht umfassend bewusst ist". Und genau daraus folgt das Problem: Es fällt ihnen schwer, es in Worte zu fassen oder gar aufzuschreiben.
Man kann es nicht abfragen, weil die Frage nicht gestellt werden kann. Wer seit dreißig Jahren dieselbe Anlage fährt, weiß nicht mehr, was daran erklärungsbedürftig ist. Das Wissen ist in die Routine eingesunken.
Deshalb gilt Learning by Doing in Kombination mit Mentoring als eine der wenigen Möglichkeiten, implizites Wissen überhaupt zu übertragen — und für neue Beschäftigte oft als einzige.
„Es gibt ein unschätzbares implizites Kontextwissen."
Jörg BuxbaumGroup Leader Research & Foresight bei der DFS Deutsche FlugsicherungQuelle: Deutsche Bank, „Was die Wirtschaft von der Flugsicherung lernen kann", September 2026Mentoring wirkt — nur hat dafür gerade niemand mehr Zeit
Hier liegt der eigentliche Widerspruch, und er wird selten ausgesprochen.
Die anerkannt wirksamste Methode zur Weitergabe von Erfahrungswissen setzt zwei Menschen voraus, die Zeit miteinander verbringen: eine erfahrene Person, die zeigt, und eine unerfahrene, die mitläuft. Genau diese Zeit vernichtet der Fachkräftemangel.
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat gemessen, wie lange es dauert, eine Stelle zu besetzen: 70 Tage im Jahr 2010, 95 Tage im Jahr 2023. Die Stellenüberhangsquote für qualifizierte Arbeitskräfte in Westdeutschland lag zuletzt bei 45,6 Prozent — für fast jede zweite offene Stelle steht regional niemand passend Qualifiziertes zur Verfügung.
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer berichtet, dass über 50 Prozent der befragten Unternehmen Stellen nur schwer besetzen können, besonders im industriellen Sektor. In der Metall- und Elektroindustrie fehlten in einem einzigen Zwölfmonatszeitraum über 110.000 Fachkräfte.
Das Ergebnis ist ein Kreislauf: Die Belegschaft schrumpft, die Verbliebenen übernehmen mehr, und ausgerechnet deshalb fehlt die Zeit, den Nachwuchs anzulernen, der die Lücke schließen soll. Wer zeigen müsste, muss stattdessen produzieren.
Übersetzte Arbeitsanweisungen lösen das Sprachproblem nicht
Ein zweiter Befund kommt hinzu, der in Produktionsbetrieben längst Alltag ist. Ende 2023 hatten über 27 Prozent der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund, und Unternehmen nennen Sprachdefizite als die bedeutendste Barriere bei der Einstellung — selbst bei gut ausgebildeten Fachkräften.
Die naheliegende Antwort lautet, Arbeitsanweisungen zu übersetzen. Die Forschung hält das für unzureichend:
„Die reine fremdsprachliche Übersetzung von Arbeitsanweisungen ist häufig mit Missverständnissen und Fehlern im Arbeitsprozess verbunden und nur begrenzt effektiv, sodass es neuer, innovativer Ansätze beim Wissenstransfer bedarf."
Nicole Ottersböck und Isabella Urbanifaa — Institut für angewandte Arbeitswissenschaft, in: Wissensmanagement mit Künstlicher Intelligenz, Springer 2026Quelle: ifaa-Edition, Springer, Open Access, 2026Der Grund ist derselbe wie beim impliziten Wissen: Ein übersetzter Satz transportiert die Worte, nicht den Handgriff. Wer nicht gesehen hat, wie fest „handfest" ist, kann es in keiner Sprache nachlesen.
Was ein BMBF-Projekt dazu herausgefunden hat
Dass dies kein Nischenproblem ist, zeigt der Aufwand, der dafür betrieben wurde. Zwischen August 2022 und Januar 2025 hat ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes Konsortium genau diese Frage untersucht.
KI_eeper — Know how to keep
Ziel: eine digitale, KI-basierte Assistenz, die Expertenwissen an Produktionsarbeitsplätzen automatisiert erfasst, speichert und unerfahrenen Beschäftigten zur Verfügung stellt.
Beteiligt: das ifaa, der Lehrstuhl Fertigungstechnik der Universität Duisburg-Essen sowie mit ESM Ennepetaler Schneid- und Mähtechnik und apra-norm Elektromechanik zwei produzierende Unternehmen als Anwendungspartner.
Förderung: BMBF-Programm „Zukunft der Arbeit", Förderkennzeichen 02L20C500–02L20C505. Ein Beitrag aus dem Projekt erhielt 2024 den Best Paper Award der International Conference on Applied Human Factors and Ergonomics. Die Ergebnisse liegen als Open-Access-Buch vor.
Der Ansatz: Sensor- und Videodaten aus dem laufenden Arbeitsprozess werden ausgewertet, um Muster zu erkennen und daraus auf das implizite Erfahrungswissen zu schließen — ohne dass die erfahrene Person es formulieren muss.
„Neue Technologien und KI können in Zukunft eine effizientere Lösung bieten und Unternehmen ermöglichen Know how langfristig zu sichern."
Nicole OttersböckWissenschaftliche Expertin des ifaa, zum Projektstart im September 2022Quelle: ifaa-Pressemitteilung „Babyboomer weg – Wissen weg?", 08.09.2022Bemerkenswert daran ist die Richtung: Die Technik soll nicht das Wissen ersetzen, sondern die Erfassung übernehmen — den Teil, an dem Menschen scheitern, weil sie nicht sagen können, was sie können.
„Bis auf Weiteres wird der Mensch im operativen Betrieb die zentrale Rolle behalten. Das größte Potenzial von KI sehen wir nicht im Kontrollraum. Ihr größter Wert liegt darin, Wissen sichtbar, nutzbar und dauerhaft verfügbar zu machen."
Dr. Gerolf ZiegenhainDirector Planning & Innovation bei der DFS Deutsche FlugsicherungQuelle: Deutsche Bank, „Was die Wirtschaft von der Flugsicherung lernen kann", September 2026Vier Dinge, die Wissenstransfer überhaupt erst möglich machen
Aus der Befundlage lässt sich ableiten, woran Wissenssicherung in der Produktion scheitert — und was sie trägt.
Sie beginnt Jahre vor dem Renteneintritt. Die KOFA-Studie rät ausdrücklich, Tandems, Mentoring und strukturierte Übergaben so einzuplanen, dass Erfahrungswissen nicht erst kurz vor dem Abschied weitergegeben wird. Wer im letzten Quartal anfängt, kommt zu spät.
Sie kostet den Erfahrenen möglichst wenig Zeit. Jede Methode, die zwei Stunden Schreibarbeit verlangt, wird nicht angewendet — nicht aus Unwillen, sondern weil die Zeit real nicht da ist. Aufnehmen, was ohnehin getan wird, ist die einzige Form der Erfassung, die den Engpass nicht verschärft.
Sie zeigt, statt zu beschreiben. Was sich nicht formulieren lässt, lässt sich vorführen. Das ist der Grund, warum videobasierte Formate implizites Wissen besser transportieren als Fließtext — und warum sie über Sprachgrenzen hinweg funktionieren, wo übersetzte Dokumente scheitern.
Sie landet dort, wo gesucht wird. Erfasstes Wissen, das in einem Laufwerk endet, ist verloren wie das ungeschriebene. Es gehört in die Wissensdatenbank, das Intranet oder an den Arbeitsplatz selbst — auffindbar in dem Moment, in dem die Frage entsteht.
Wer das zusammendenkt, landet bei derselben Erkenntnis wie die neue ISO 9001:2026 für die Prozessdokumentation: Entscheidend ist nicht, dass etwas dokumentiert wurde, sondern dass es ankommt.
Häufige Fragen zum Wissenstransfer in der Produktion
Was ist Erfahrungswissen?
Erfahrungswissen ist das Können, das durch wiederholte Praxis entsteht und über reines Fachwissen hinausgeht. Es zeigt sich vor allem in schwierigen Situationen: Erfahrene lösen sie schnell, Unerfahrene brauchen deutlich länger. Ein großer Teil davon ist implizit — den Beschäftigten selbst nicht vollständig bewusst.
Warum reicht es nicht, Prozesse einfach aufzuschreiben?
Weil das Entscheidende meist nicht aufschreibbar ist. Wer eine Tätigkeit seit Jahren ausführt, weiß nicht mehr, welche Details erklärungsbedürftig sind. Dokumentation erfasst die Schritte, nicht die Urteilsfähigkeit dazwischen.
Wann sollte ein Unternehmen mit Wissenstransfer beginnen?
Deutlich vor dem Renteneintritt. Die Empfehlung der Fachkräfteforschung lautet, Übergaben strukturell einzuplanen statt sie anlassbezogen auszulösen. Praktisch heißt das: mehrere Jahre Vorlauf für Schlüsselpositionen, nicht mehrere Wochen.
Welche Methoden funktionieren nachweislich?
Learning by Doing in Verbindung mit Mentoring und altersgemischten Teams gilt als wirksamster Weg für implizites Wissen. Die Einschränkung ist nicht die Methode, sondern ihre Verfügbarkeit: Sie bindet Zeit erfahrener Beschäftigter, die im Fachkräftemangel knapp ist.
Kann KI Erfahrungswissen sichern?
Nicht ersetzen, aber erfassen helfen. Forschungsprojekte wie KI_eeper verfolgen den Ansatz, Muster im laufenden Arbeitsprozess automatisiert zu erkennen, statt Beschäftigte um eine Beschreibung zu bitten, die sie nicht liefern können. Die Entscheidung bleibt beim Menschen.
Was hilft bei Belegschaften mit vielen Muttersprachen?
Formate, die zeigen statt beschreiben, und Übersetzung zusätzlich zum Bild statt anstelle davon. Reine Textübersetzung von Arbeitsanweisungen gilt in der Forschung als nur begrenzt wirksam und fehleranfällig.
Wie misst man, ob Wissenstransfer funktioniert?
An der Einarbeitungsdauer, an der Fehlerquote in den ersten Monaten, an der Zahl der Rückfragen an einzelne Wissensträger — und daran, ob dokumentierte Inhalte tatsächlich geöffnet werden. Nutzungsdaten sind der ehrlichste Indikator.
Über Clypp
Clypp ist eine Softwareplattform aus Deutschland, mit der Beschäftigte Arbeitsabläufe selbst aufnehmen und daraus automatisch strukturierte Anleitungen entstehen: mit Schritten, Screenshots, Voice-over und Übersetzungen. Die Aufnahme dauert Minuten — der Erfahrene zeigt, statt zu schreiben.
Das Ergebnis lässt sich als Video, PDF oder SCORM-Paket ausgeben und in Microsoft Teams, ein LMS oder ein Wiki einbetten. Die Daten liegen ausschließlich auf EU-Servern; Clypp ist ISO 27001-zertifiziert und DSGVO-konform.
Die zitierten Fachleute
Nicole Ottersböck
Wissenschaftliche Expertin am ifaa — Institut für angewandte Arbeitswissenschaft
Ottersböck ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin und seit 2016 am ifaa in Düsseldorf. Sie leitete die arbeitswissenschaftliche Seite des BMBF-Projekts KI_eeper und ist Mitherausgeberin des Abschlussbands „Wissensmanagement mit Künstlicher Intelligenz".
Damaris Schröder
Fluglotsin und Ausbilderin bei der DFS Deutsche Flugsicherung
Schröder ist seit 2017 Fluglotsin und begleitet im Kontrollraum und im Simulator den Nachwuchs. Ihre Aufgabe besteht ausdrücklich darin, Erfahrungen aus dem operativen Alltag weiterzugeben — also genau das zu tun, wofür in vielen Betrieben die Zeit fehlt.
Jörg Buxbaum
Group Leader Research & Foresight bei der DFS Deutsche Flugsicherung
Buxbaum ist Diplom-Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik und seit 1999 bei der DFS. Er beschäftigt sich damit, wie Automatisierung und Künstliche Intelligenz Menschen in sicherheitskritischen Systemen unterstützen können, und mit dem Transfer von Erfahrungswissen.
Dr. Gerolf Ziegenhain
Director Planning & Innovation bei der DFS Deutsche Flugsicherung
Der promovierte Physiker verantwortet seit 2010 verschiedene Führungsfunktionen bei der DFS und treibt Themen wie Automatisierung, Wissensmanagement und die Zukunft kritischer Infrastrukturen voran.
Quellen
- Jurek Tiedemann, Franziska Arndt, KOFA-Studie 4/2026 „Wertvolle Erfahrung sichern: Ältere Beschäftigte im Unternehmen halten", Institut der deutschen Wirtschaft, 06.07.2026.
- Nicole Ottersböck, Isabella Urban, „Trends und Entwicklungen in der Arbeitswelt", in: Wissensmanagement mit Künstlicher Intelligenz, ifaa-Edition, Springer 2026, Open Access. Enthält die zitierten Zahlen von IAB, DIHK und Destatis.
- ifaa, Pressemitteilung „Babyboomer weg – Wissen weg?", 08.09.2022.
- ifaa, Projektseite KI_eeper – Know how to keep, abgerufen am 22.09.2026.
- Deutsche Bank, „Was die Wirtschaft von der Flugsicherung lernen kann", What Next, September 2026. Quelle der DFS-Zitate.
- Weiterführend: AI SETTA über Wissensverlust und die Rentenwelle sowie data unplugged über Wissensmanagement im Mittelstand.
Veröffentlicht am 22. September 2026. Alle Zitate wurden am Tag der Veröffentlichung an der Originalquelle geprüft.

